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Urkraft des Nordens

Interview mit Jennie Appel und Dirk Grosser. Die Erfolgsautoren nehmen uns mit auf eine Abenteuerreise in die nordische Mythologie.

Was bedeutet Urkraft für euch?

Schamanische Wege dienten stets dazu, neue Kraft zu finden. Kraft für den Einzelnen und die Einzelne, Kraft für den Stamm und für die Gemeinschaft. Diese Kraft diente dazu, in einer Welt, die noch nicht so domestiziert wie die unsrige war, gut zu leben und in eine wirkliche Beziehung mit der Welt und dem Göttlichen in ihr einzutreten. Dieses ursprüngliche Kraftpotential steckt immer noch in uns, schlummert sozusagen.

Mit der Sehnsucht, die bei vielen Menschen durch den Kontakt mit den nordischen Mythen ausgelöst wird, beginnt diese Urkraft zu erwachen und kann moderne Menschen wieder nah an das Leben und den eigenen Ursprung heranführen. Mit der weiteren Beschäftigung, dem Einlassen auf die Mythen, dem eigenen Erforschen, dem eigenen Reisen und den immer wiederkehrenden Fragen „Was bedeutet das für mich? Und was mache ich daraus?“ können wir diese Urkraft immer stärker in uns spüren und sie zum Wohle des Großen Ganzen einsetzen.

In eurem Buch nehmt ihr uns mit auf eine Reise zu der nordischen Mythologie. Was macht für euch den Reiz an dieser Mythologie aus?

Die nordische Mythologie ist von unglaublich bunten, vielschichtigen Figuren bevölkert, die alle gewisse Aspekte der menschlichen Seele abbilden. Neun Welten voller Göttinnen und Götter, Riesen, Zwergen, Trollen, achtbeinigen Pferden, fliegenden Katzen, goldenen Wildschweinen, Geistern und allerlei mehr. Es gibt Weisheit und Gewalt, Fruchtbarkeit und Humor, derbe Zoten genauso wie geheimnisvolles Raunen über die letzten Dinge … und in allem eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Elementen.

Wann und wie kamt ihr das erste Mal in Berührung mit der nordischen Mythologie?

Wir haben einige der alten Geschichten bereits als Kinder gehört, aber zu diesem Zeitpunkt natürlich ganz anders gedeutet, sie als bloße Abenteuergeschichten verstanden. Sehr viel später ist uns dann unabhängig voneinander aufgefallen, dass wir viel über die griechische und römische Mythologie wissen, die Namen indischer Götter kennen oder tibetische Vorstellungen vermittelt bekommen haben, dass unsere eigenen Wurzeln jedoch eher selten gewässert wurden. Irgendetwas fehlte.

Und so haben wir uns gemeinsam vor etwa zehn Jahren aufgemacht, tiefer in die europäische Mythologie vorzudringen, uns wirklich intensiv mit ihr zu befassen, die keltischen und germanischen Mythen zu lesen und für uns zu deuten. Dabei hat sich eine Welt offenbart, die uns sehr nah ist und in der unsere Seelen sich zuhause fühlen.

Auf welche Art und Weise nähert ihr euch den uralten Traditionen des Nordens?

Im Buch beschreiben wir das, was auch für uns persönlich hilfreich war und ist: Alte Geschichten auf neue Art zu erzählen, sie wirklich in der Tiefe wirken zu lassen, über sie zu meditieren, sich nach draußen zu setzen und in der Welt aufzugehen, einzutauchen, einzusinken … Letztlich geht es darum, die Welt mit anderen Augen zu sehen und sich wieder als Teil der Natur zu fühlen und nicht als ein nur beobachtendes Gegenüber.

Was hat euch dazu bewogen ein Buch über die Urkraft des Nordens zu schreiben?

Wir haben bei unseren ersten Kursen zu diesem Themenkomplex gemerkt, wie vielen Menschen es so geht, wie es früher uns ging: Man kennt alle möglichen spirituellen Traditionen, aber nicht die, die direkt vor einem liegen. Und zugleich spürt man diese unglaubliche Sehnsucht, dieses kraftvolle Ziehen, wenn man sich das erste Mal auf die nordischen Mythen einlässt. Man fühlt die Kraft, die in einem wächst.

Und dieses Gefühl, das wir für unglaublich wichtig halten, weil es davon abhält, sich im Hamsterrad des Konsumterrors zu verlieren, wollten wir vielen Menschen zugänglich machen.

Für wen ist euer Buch geeignet? Erfahrene Schamanen, Naturliebhaber oder Anfänger?

Wir denken, dass es tatsächlich für alle Menschen geeignet ist, die sich für ihre Wurzeln interessieren, die in der Erde, die sich direkt unter ihren Füßen befindet, einwurzeln wollen. Man braucht keine Vorerfahrungen, sondern nur die Bereitschaft, sozusagen innerlich die Wanderschuhe zu schnüren und sich auf den Weg zu machen.

Unsere Gesellschaft wirkt oft gestresst, rund um die Uhr laufen Nachrichten und Unterhaltung. Mit der Urkraft des Nordens nähert ihr euch wieder der Natur. Wie kann man die alten Traditionen in das ein stressintensiveres Leben integrieren?

Ob man sie ins stressintensive Leben integrieren sollte, ist eher fraglich. Eher sollte man sich von ihnen in ein Leben führen lassen, dass den meisten Stress als unnötig und hausgemacht erkennt. Diese alten Geschichten sind so echt und weisen so sehr auf das Wesentliche hin, dass man, wenn man sich von ihnen auf einen neuen Weg führen lässt, viel Stress und Hektik vermeidet und sich eher den ruhigen Rhythmen der Natur anpasst.

Viele Unterhaltungsformate greifen das Thema „Keltik“ und nordische Mythologie auf. Was unterscheidet den Titel von Filmen auf Netflix und co.?

Die genannten Unterhaltungsformate zielen hauptsächlich auf das Erzählen von entweder historischen oder aber fiktiven Abenteuern ab, und eher selten auf das spirituelle Erleben der Welt. Unser Buch konzentriert sich auf dieses Spirituelle, auf das Verortetsein inmitten einer als heilig empfundenen Welt. Anders gesagt: Unser Buch handelt vom großen Hintergrundbild, vor dem sich dann alle Abenteuer der einschlägigen Serien und Filme abspielen.

Parallel zu Urkraft des Nordens habt ihr mit Drachenboot und Donnerkeil auch eure erfolgreiche Kinderbuch-Serie fortgesetzt. Wie habt ihr diese intensive Zeit erlebt, in der ihr voller Kreativität an zwei Titel gearbeitet habt?

Intensiv ist das richtige Wort. Wir haben viel miteinander gesprochen, sind auf innere Reisen gegangen, haben geschrieben, wieder gesprochen, haben zusammengesessen und geschwiegen, sind viel im Wald gewesen … Alles floss ineinander: Erfahrungen, Ahnungen, Gedanken, innere Bilder. Und daraus sind dann zwei Bücher entstanden, auf die wir sehr stolz sind. Es war eine schöne Zeit, aber auch anstrengend. Zwei Bücher auf einmal schreiben war ein Experiment, dass dem Himmel sei Dank geglückt ist.

BUCHTIPP: Jennie Appel, Dirk Grosser, Urkraft des Nordens, ISBN: 978-3-95883-525-2