Alles ist heilig

Sinn erschließt sich immer dann, wenn wir – trotzdem – ja zum Leben sagen.

Die Szene lässt kein Auge trocken: „Du stehst im Graben bei der Arbeit; grau ist die Morgendämmerung um dich, grau ist der Himmel über dir, grau ist der Schnee im fahlen Dämmerlicht, grau sind die Lumpen, in die deine Kameraden gehüllt sind, grau sind ihre Gesichter.“ Hier spricht ein KZ-Häftling. Einer, der in der Hölle ist. Einer, der allen Grund hat, „Nein“ zu sagen. Nein zu dem „langsamen Sterben“, nein zu der „Trostlosigkeit eines Todes, der vor dir ist“. Doch er tut es nicht. Im Gegenteil. Er spricht ganz anders: Er spricht davon, „wie dein Geist über diese ganze trostlose und sinnlose Welt hinausdringt und auf deine letzten Fragen um einen letzten Sinn zuletzt von irgendwoher dir ein sieghaftes ‚Ja!‘ entgegenjubelt.“


Der so spricht, heißt Viktor Frankl; in einem Buch, das genau das im Titel trägt, wovon die Szene kündet: „Trotzdem ‚Ja‘ zum Leben sagen“ – aller Gräuel zum Trotz das Leben nehmen, wie es ist. So hat er es erlebt. Daraus hat er die Kraft gezogen, das nerträgliche zu überleben. Und nicht nur er. Auch andere Leidgeprüfte kennen dieses große ‚Ja‘ zum Leben. Etty Hillesum zum Beispiel – die als junge Frau den Nazi-Schergen in die Hände fiel. Kurz vor ihrem gewaltsamen Tod notierte sie: „Leben und Sterben, Leid und Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, Verfolgungen, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist in mir wie ein einziges starkes Ganzes, und ich nehme alles als ein Ganzes hin … Ich finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll.“


Trotzdem ‚Ja‘, trotzdem Sinn. Was Nachgeborenen meist unmöglich scheint, ist keine Illusion. Vielmehr ist es ein Heilmittel für Leib und Seele, ein Kraft- und Energiezentrum, das Menschen dazu bringt, nicht nur zu überleben, sondern auch da noch Sinn zu sehen, wo vordergründig nur das Grauen herrscht. Aus diesem ‚Ja‘ spricht eine große Seele. Auch spricht aus ihm ein freier Geist: Ein Geist, der sich befreit hat von den Fesseln der Moral. Wer trotzdem ‚Ja‘ zum Leben sagt, spricht aus einer freien Sphäre, die Nietzsche „jenseits von Gut und Böse“ verortete.


„Jenseits von Gut und Böse“ ist der Titel eines Buchs von Nietzsche, das Viktor Frankl kannte und ihm half, das große ‚Ja‘ zu sprechen. In diesem Buch skizzierte Nietzsche sein Ideal des freien, wahren Lebens: „das Ideal des übermütigsten lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, so wie es war und ist, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele“.


„Da capo“: Das ist das unbedingte ‚Ja‘.

Es auszusprechen, immer wieder – darin erfüllt sich für Nietzsche das menschliche Leben, daraus zieht es laut Frankl seine Kraft. Das ‚Ja‘ ist „übermütig“ und „lebendig“, weil es die Welt bejaht, weil es das Leben annimmt, statt sich darin zu verlieren, es den moralischen Urteilen „gut“ und „böse“ zu unterwerfen – es annimmt im ganzen Spektrum seiner Möglichkeiten, als ein heiliges Geschehen, das Leid und Lust, Schmerz und Spaß umfasst.


Dieses unbedingte ‚Ja‘ zum Leben hat Nietzsche nicht erfunden.

Er fand es in den Schatzkammern des alten Griechentums – in einer Zeit, die er „das tragische Zeitalter“ nannte und deren Größe er daran erkannte, dass sich des alten Hellas‘ Geist jenseits von Gut und Böse entfaltete: Anstatt moralisch auf die Welt zu blicken und sie dem eigenen Urteil zu unterwerfen, pflegten die Griechen den tragischen Sinn. Tragisch denken heißt: Das Leben in seiner schicksalhaften Verflochtenheit bejahen, die Welt als einen Spielplatz der Götter annehmen, worauf sich das Leben in allen Facetten – Licht und Dunkel – zu seiner Größe entfalten kann. Es heißt: Sich dem Leiden nicht entziehen; zu wissen, was Friedrich Hölderlin einst aussprach: „Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn, / Die Götter schenken heiliges Leid uns auch.“


Der Geist der Tragödie ist der Geist des freudig-trauernden ‚trotzdem Ja‘. Dieser Geist fiel nicht vom Himmel, sondern speiste sich, wie Nietzsche wusste, aus der alten Religion der Griechen. Vor allem der Gott Dionysos, dem das Theater heilig war, hatte für ihn größte Bedeutung. Dionysos stand für das heilige Mysterium des Wandels. In ihm verdichtete sich ein Grundzug des Lebens zur göttlichen Gestalt: Alles ist im Wandel, Leben kommt und geht, Altes stirbt, Neues wächst. Der Kosmos gleicht einer Musik, die ständig neue Klangkaskaden freigibt und dabei ein durch und durch sinnvolles Geschehen ist. Kosmos heißt deshalb ‚schöne Ordnung‘. Für einen Griechen war es eine ausgemachte Sache, dass jene Welt, in der er sich zuhause wusste, von Geist durchdrungen und von Sinn grundiert war. Das ließ ihn trotzdem ‚Ja‘ zum Leben sagen. Er fühlte das, was Thales formulierte:

„Alles ist voller Götter.“

Doch kannten die Griechen nicht auch das ‚Nein‘? Stritten und kämpften sie nicht dauernd gegen irgendwelche Feinde, die sie ablehnten? Gewiss, das taten sie. Doch taten sie es vor dem Hintergrund des großen ‚Ja‘. Sie sahen selbst im Krieg ein heiliges Geschehen, in dem das Menschenleben sich erfüllen kann. Auf diesem ‚kann‘ liegt die Betonung. Es war wohl Platon, der als erster davon sprach. Das Leben, so erklärte er in seinem Timaios, ist das Zusammenspiel von Wirklichkeit und Möglichkeit: Wir sind ein Arsenal von Möglichkeiten, die noch im Schoß unserer Seele schlummern. Was immer uns im Leben widerfährt, ist eine Einladung, das Potenzial in uns zu wecken, um zu denen zu wachsen, die wir sein können.


Das heißt: Auch wenn uns etwas widerfährt, das uns zuwider oder leidvoll ist – auch dann, wenn wir es ablehnen oder verneinen, da wir in unserem So-geworden- Sein damit nicht klarkommen –, können wir es doch in der Tiefe unserer
Seele bejahen und annehmen: als Möglichkeit und Einladung, an ihm zu wachsen und zur Größe zu erblühen. Dem ‚Nein‘ zur gegenwärtigen Wirklichkeit steht dieses Ja zur künftigen Möglichkeit nicht zwangsläufig im Weg. Das Leben ist bejahbar, weil es uns immer neue Möglichkeiten bietet, Potenziale zu
entfalten, zu wachsen und darin wirklich Mensch zu sein.
So lässt sich denken, wenn man mit den alten Griechen die Welt als heiliges Geschehen denkt, das seinen Sinn in sich trägt und darin verwirklicht, das Leben in der Fülle zu entfalten.

Ein solches Denken ist die Folge einer Frömmigkeit, die man als Seins-Spiritualität beschreiben kann: die das Sein selbst in seinen vielfältigen Gestalten als göttlich verehrt. Anders verhält es sich überall da, wo Religionen das Göttliche als Willen oder Macht deuten, wo sich der Glauben an einen „allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde“ richtet.


Denn hier erscheinen alle Widerfahrnisse des Lebens als „gottgewollt“. Doch lässt sich bei dieser Deutung die Frage kaum vermeiden, warum ein Allmächtiger so grausam ist, seinen Geschöpfen immer wieder Leid zu schicken. „Warum lässt Gott das zu?“, klagt die geplagte Seele – und spricht ein Thema
an, das als „Theodizee-Frage“ die klügsten Denker der Christenheit umtrieb. Einer von ihnen war Leibniz, der in seiner „Theodizee“ eine grandiose metaphysische Spekulation entwarf, um darzustellen, dass diese Welt – trotz allem – zu bejahen sei: als „beste aller möglichen Welten.“

Als später ein fatales Erdbeben Lissabon zerstörte, sah sich der Philosoph Voltaire bemüßigt, Leibniz‘ tapferen Versuch mit Hohn und Spott zu überschütten. Das konnte doch nicht die „beste aller möglichen Welten“ sein! Nein, diese Welt und dieses Leben waren weder heilig, noch das Werk eines Allmächtigen. Sie waren abzulehnen oder bestenfalls zu verbessern – so, dass man sie eines Tages vielleicht doch bejahen könne. Vielleicht. So kam der Traum vom Fortschritt in die Welt – und der heute llgegenwärtige Glaube, die Welt und das Leben mit technologischen Mitteln optimieren zu müssen.

Auf diese Überzeugung ist unsere moderne Welt gebaut. Und man versteht, warum sie trotz aller ökonomischen und echnologischen Erfolge so sehr an Sinn verarmt ist. Ihre Grunddynamik ist ein „Nein“ zum Leben – ist der Drang, die dunklen und leidvollen Seiten des Lebens zu überwinden. Das Leben, so hat es Friedrich Nietzsche auf den Punkt gebracht, erscheint dem neuzeitlichen Denken als etwas, „das überwunden“ werden muss – ohne jedes Trotzdem. Dieser nihilistischen, „weltverneinendsten aller möglichen Denkweisen“ schleuderte er sein großes ‚Ja‘ entgegen – das ‚Ja‘, das einem Viktor Frankl einst die Kraft gab, dem Grauen zu begegnen und dem Leben treu zu bleiben. Und da wir nun erneut bei Viktor Frankl sind, eröffnet sich zuletzt die Chance, dem Geheimnis beizukommen, das ungeklärt im Raum steht: Woraus erwächst das große ‚Ja‘? Aus welcher Quelle steigt es auf? Wer oder was zaubert es auf die Lippen? Die Antwort Viktor Frankls lautet: Liebe. „Ich erfasse jetzt den Sinn des Letzten und Äußersten, was menschliches Dichten und Denken und – Glauben auszusagen hat: die Erlösung durch die Liebe und in der Liebe!“, erklärt er sich sein großes ‚Ja‘.

„Ich erfasse, dass der Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann – und sei es auch nur für Augenblicke –, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen.“


Nicht anders sahen es die Griechen. Bei Platon lesen wir, es sei der Eros, der den Menschen dazu bringe, in allem Lebenden die Schönheit zu erkennen und so die Welt im Ganzen zu bejahen. Der Eros ist es auch, von dem Nietzsche notierte:


„Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.“ Die Liebe ist größer als die Moral, denn sie bejaht das Sein und das Leben als Möglichkeitsraum zum seelischen Wachstum. Wo sie im Herz des Menschen Raum greift, da lässt sie ihn „Da Capo“ rufen.

Text: Christoph Quarch – Philosoph (aus Leidenschaft), Bestsellerautor, Redner; mehr Informationen zu Dr. Quarch finden Sie über www.christophquarch.de

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