Hör auf dein Herz

Den eigenen Weg gehen, was bedeutet das? Und wie kann man diesen eigenen Weg gehen, ohne andere Menschen ständig vor den Kopf zu stoßen?

In der Psychologie gibt es die sogenannte Maslow‘sche Bedürfnispyramide. Sie besagt Folgendes: Erst wenn die körperlichen Bedürfnisse nach Nahrung, Wasser, sauberer Luft und angemessener Wärme, die Bedürfnisse emotionaler und physischer Sicherheit, der Wunsch nach zwischenmenschlichen Beziehungen und das Bedürfnis nach innerer Freiheit und Anerkennung erfüllt sind, entsteht der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Das erklärt, warum es so schwierig ist, dem eigenen Herzen zu folgen, wenn du befürchtest, damit deine Beziehungen aufs Spiel zu setzen. Denn menschliche Beziehungen zu führen ist eine Voraussetzung dafür, dass du deinen eigenen Weg gehen kannst, das Fundament für deinen Wunsch, deinem Herzen zu folgen. Man muss es sich leisten können, sein eigenes Ding zu machen!

Das ist es, was Maslow sagt. Doch stimmt das wirklich? Kann man dem Herz nicht zutrauen, für jede dieser Ebenen eine andere, stimmige Antwort zu haben? Dem Herz alleine vielleicht nicht. Aber zum Glück gibt es ja mehrere Instanzen, die alle zusammen zu einer klugen Entscheidung führen.

Da ist zum einen der gesunde Menschenverstand. Wenn du es spirituell ausdrücken willst, dann könnte man auch sagen: Da gibt es den Mentalkörper. Das ist ein nichtstofflicher Aurakörper, mit dem du Informationen als Gedanken wahrnimmst. Ideen, die hier ankommen, sind sehr impulsiv. Sie schießen dir durch den Kopf, sind manchmal schneller, als du sie erfassen kannst, sogenannte Geistesblitze. Dass dich eine Idee beflügelt, heißt aber noch lange nicht, dass sie auf der Erde in Taten umsetzbar ist! Oder dass das sinnvoll wäre.

Die nächste Instanz ist das Herz, das die Impulse nach den Kriterien „Ist getragen von Liebe“ und „Ist nicht getragen von Liebe“ sortiert. Das Herz ist der entscheidende Ratgeber, wenn es darum geht, den Grad der fließenden, möglichen Liebe in Bezug auf eine Idee zu erkennen.

Nachdem eine Idee den mentalen Begeisterungs-Test durchlaufen hat und in dein Herz hinabgesunken ist, wo sie auf ihr Liebespotenzial überprüft wird, erlaubst du ihr, noch ein wenig tiefer in dich einzufließen: in den Bauch, tief ins Becken.

Hier nun wird Folgendes angeschaut: Taugt die Idee dazu, der Struktur der irdischen Gegebenheiten standzuhalten? Ist die Zeit reif? Hast du genug Geld? Bist du in der Lage, das zu leisten, was nötig ist, damit dieses Projekt erfolgreich wird? Hier entscheidet sich, ob aus einem Wunschtraum ein Plan und am Ende ein lebensfähiges, tragfähiges Projekt wird.

Der Bauch ist unbestechlich. Es kann sehr wohl sein, dass deine Angst dir suggeriert: „Das ist Unsinn, das schaffst du nie!“ oder sogar die Stimme der Vernunft sagt: „Das klappt nicht.“ Doch dein tiefes Bauchgefühl bleibt ruhig und gibt dir ein Ja. Dann mach es. Denn was wäre, wenn die Vernunft zwar recht hätte und es schwierig würde, du aber viel besser mit dieser Situation umgehen könntest, als du es bis jetzt erfahren hast?

Anders herum kennst du es mit Sicherheit: Du hast eben kein gutes Bauchgefühl, aber das Herz jubiliert. Also lässt du dich auf etwas ein, obwohl du spätestens, wenn es schief geht, genau weißt, dass dich etwas in dir laut und deutlich gewarnt hat. Es ist sehr klug, auf das Gefühl des Bauches zu hören. Gib ihm nach sorgfältiger Prüfung durch das Herzgefühl das letzte Wort. Hat der Bauch echte Zweifel, dann mach es nicht, auch wenn das Herz es noch so gerne tun würde.

Wie unterscheidet man echte Zweifel von der störenden inneren Stimme der Angst? 

1. Bitte um Hilfe    

Wende dich an einen dir vertrauten Menschen und frag ihn, ob er dir zuhören, Zeuge sein möchte, wenn du von deinem Projekt erzählst. Beim Erzählen wirst du spüren, was du wirklich willst. Vielleicht hast du eine Freundin oder einen Freund, die oder der Aufstellungsarbeit macht, auf andere Weise Strömungen und Energien spüren kann oder dich einfach wirklich gut kennt.

2. Das Herz befragen

Stell zwei Stühle einander gegenüber. Auf den einen setzt du dich, auf dem anderen sitzt in deiner Vorstellung dein Herz. Bitte nun dein Herz, dir eine klare Information über das zu geben, was du tun willst. Mach das ruhig laut, sag: „Ich bitte dich, zeig mir genau, ob das, was ich vorhabe (dein Vorhaben kannst du auch ganz konkret benennen) der Liebe dient oder nicht.“ Dann setz dich bitte auf den Platz dir gegenüber. Erlaub, dass sich deine Sichtweise dem Herzgefühl anpasst und sprich einfach laut aus, was du hier spürst und weißt. Es kann hilfreich sein, die Worte in ein Diktiergerät zu sprechen oder aufzuschreiben. Setz dich dann wieder auf den ersten Platz und hör dir an oder lies nach, was das Herz sagte. Nun kannst du entscheiden, was du tust, bewusst und selbstbestimmt.

Die gleiche Technik kannst du anwenden, wenn du dein Bauchgefühl erkunden willst. Oder aber diese hier:

3. Den Bauch befragen

Nimm dir zwei Blatt Papier, schreib auf das eine „Zum jetzigen Zeitpunkt machbar“ und auf das andere „Nicht machbar“. (Oder einfach „Ja“ und „Nein“.)  Leg sie bitte verdeckt auf den Boden, so, dass du selbst nicht weißt, was wo liegt, damit du dich nicht manipulierst.

Denk bitte noch nicht an dein Thema, du brauchst zunächst eine Art innerer Kalibrierung. Stell dich mit der Absicht, dein inneres Ja und dein inneres Nein erst einmal zu erkunden, auf eines der Blätter und beobachte, wie sich nun dein Bauch anfühlt. Wird es in dir schwerer, kannst du weniger gut atmen, wird es leichter, durchströmt dich Freude? Merk dir deine Reaktion und stell dich auf das andere Blatt. Wieder merkst du dir deine Reaktion. Dreh nun die Blätter um und ordne die Gefühle dem „Ja“ und dem „Nein“ zu. Jetzt hast du ein klares Gefühl dafür, wie sich dein inneres Ja und dein Nein anfühlen.

Jetzt dreh die Blätter wieder um und misch sie auf dem Boden. Denk nun bitte an das Projekt, das du verwirklichen willst. Stell dich erneut nacheinander auf die Blätter und merk dir die Reaktionen deines Bauches und deines Atems. Jetzt spürst du, was der Bauch zu dieser Angelegenheit sagt. Wie du nun handelst, ist deine Sache, aber du hast eine klare Information bekommen. Und weil das so ist, kannst du bewusst die volle Verantwortung für deine Entscheidung tragen.

Doch wie gehst du damit um, dass womöglich nicht alle einverstanden sind mit dem, was du entscheidest? Das hängt vom Grad deiner Abhängigkeit von anderen Menschen ab und natürlich davon, wen du enttäuschst oder verunsicherst. Entscheidend ist diese Frage: Wer meistert in dir in erster Linie dein Leben, der Große in dir oder der Kleine? Dein inneres Kind hat fast immer Angst, andere Menschen zu verlieren, weil dein Leben als Kind davon abhing, dass du versorgt wurdest. Für dein inneres Kind ist das auch heute noch Realität. Der Große in dir weiß hingegen, dass du unabhängig und selbstbestimmt bist, weil du erwachsen bist, und hat deshalb sehr viel mehr Mut, das Leben so zu gestalten, wie es dir gefällt. Der Trick? Übernimm selbst die Fürsorge und Verantwortung für dein inneres Kind. Sei du für dein inneres Kind der Mensch, den du in deiner Kindheit so dringend gebraucht hättest. Und schon bist du frei.

BUCHTIPP: Susanne Hühn, „Wilde Frau sein. Bauch und Herz in Einklang bringen. Ein Ratgeber für alle, die (noch) nicht ‚Nein‘ sagen können“, erschienen im Schirner Verlag.

Text: VITA-Autorin Susanne Hühn, www.susannehuehn.de