Anthroposophische Übungen zur methodischen Entwicklung höherer Erkenntniskräfte

Rudolf Steiner (1861-1925) vertrat seine anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft von 1900 bis zu seinem Tode durch Publikationen, zahlreiche Vorträge und Vortragskurse. In den Jahren 1904 bis 1914 lehrte Rudolf Steiner neben seiner Publikations- und Vortragstätigkeit auch in seiner Esoterischen Schule. Nach einem durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914-18) und die Nachkriegsjahre bedingten Unterbruch, sollte sie im Zusammenhang mit der 1923/24 erfolgten Neuordnung des ganzen anthroposophischen Lebens, neu eingerichtet werden.
Entsprechend seinem lebenslangen Bemühen, die Anthroposophie als moderne Initiationswissenschaft im öffentlichen Kulturleben zu verankern, ging er nunmehr daran, sie als „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum“ mit drei esoterischen Klassen sowie wissenschaftlichen und künstlerischen Sektionen aufzubauen. Da er jedoch schon im Herbst 1924 schwer erkrankte und im Frühjahr 1925 starb, hatte er nur noch die ersten Einrichtungen konkretisieren können. Dokumentensammlungen zu Rudolf Steiners esoterischer Lehrtätigkeit erscheinen innerhalb der Gesamtausgabe in der Reihe „Veröffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der esoterischen Lehrtätigkeit“.

In diesem Beitrag finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, wissenswerte sowie tiefgründige Auszüge aus dem Buch „Übungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen. Seelenübungen 1“.

Zu den esoterischen Übungen

„Das Ziel der Versenkung (Meditation) in die symbolischen Vorstellungen und Empfindungen ist, genau gesprochen, die Heranbildung der höheren Wahrnehmungsorgane innerhalb des astralischen Leibes des Menschen. Sie werden aus der Substanz dieses astralischen Leibes heraus zunächst geschaffen.“

Aus dem Titel: Die Geheimwissenschaft im Umriß

Um in höheren Welten wahrnehmen zu können, bedarf es ebenso wie in der physischen Welt gesund entwickelter Wahrnehmungsorgane. Deren sachgemäße sorgfältige Ausbildung ist darum seit jeher das Grundanliegen jeder wahren Geheimschulung. Auch alle von Rudolf Steiner gegebenen Übungen sind zur Erreichung dieses Zieles bestimmt. Es ist dies im Gesamtwerk vielfach dargestellt; grundlegend vor allem in der Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“. Dort ist auch erläutert, was durch die Übungen bewirkt wird; denn

„es gehört zu den Grundsätzen wahrer Geheimwissenschaft, dass derjenige, welcher sich ihr widmet, dies mit vollem Bewusstsein tue. Er soll nichts vornehmen, nichts üben, wovon er nicht weiß, was es für eine Wirkung hat. Ein Geheimlehrer, der jemand einen Rat oder eine Anweisung gibt, wird immer zugleich sagen, was durch die Befolgung in Leib, Seele oder Geist desjenigen eintritt, der nach höherer Erkenntnis strebt.“

Hauptübungen für morgens und abends

„Die erste Stufe besteht darin, dass der Mensch möglichst viele sinnbildliche Vorstellungen in sich ausbildet. An dem subtilen Erfassen einer solchen Tätigkeit muss man Befriedigung finden. Belohnt wird man auf diesem Wege verhältnismäßig spät. Dafür ist es aber auch ein sicherer Weg, ein Weg, der bewahrt vor jeder Phantastik, vor jeder Illusion. Es brauchen die Sinnbilder nicht bloß solche zu sein, die man als Bilder vor Augen hat, sondern es können auch Worte sein, in denen zusammengedrängt werden tiefe Weltenwahrheiten.“

Wien, 28. März 1910, GA (Gesamtausgabe) 119
Morgens:
Strahlender als die Sonne 
Reiner als der Schnee Feiner als der Äther 
Ist das Selbst 
Der Geist in meinem Herzen 
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.  

Abends:
Ich bin das Selbst 
Das Selbst bin Ich 
Der Geist in meinem Herzen 
Ist das Selbst Es ist feiner als der Äther 
Reiner als der Schnee 
Strahlender als die Sonne 

                                                      
Morgens: 
In der Gottheit der Welt 
In dem Geiste der Welt 
In der Seele der Welt 
Werde ich mich suchen 
Werde ich mich finden 
Ich gewiss 

                                                       

Abends: 
Gewiss 
Ich werde mich finden 
Denn suchen werde ich mich 
In der Seele der Welt 
In dem Geiste der Welt 
In der Gottheit der Welt 

                                                          


Morgens: 
Es möge blühen meine Seele 
In der Liebe zu allem Dasein 
Es möge leben mein Geist 
In der Seele der Wesen 
Es möge ruhen mein Selbst 
In der Gottheit der Welt 
So will ich sein. 

Abends: 
Ich will mich bestreben 
Zu sein in der Gottheit der Welt 
Ruhen möge mein Selbst in IHR 
Leben möge mein Geist 
In der Seele der Wesen 
Blühen möge meine Seele 
In der Liebe zu allem Dasein.

                                                           

Morgens: 
Ich schaue die Sonne 
Die leuchtende, die strahlende, 
Sie leuchtet mir in die Seele 
Sie strahlet mir in das Herz 
Ich fühle Sonne überall Sie wärmt mich 
M - ich 

Abends: 
Mein Herz leuchtet 
Ober meinem Haupte leuchtet ein Stern. 
Herz und Stern leuchten zueinander 
Ich fühle Seelenwärme 
In Sternenleuchten 
In Herzenswärme

Für die Tage der Woche

Der Mensch muss auf gewisse Seelenvorgänge Aufmerksamkeit und Sorgfalt verwenden, die er gewöhnlich sorglos und unaufmerksam ausführt. Es gibt acht solche Vorgänge. Es ist natürlich am besten, auf einmal nur eine Übung vorzunehmen, zum Beispiel während acht oder vierzehn Tagen, dann die zweite usw., dann wieder von vorne anfangen. Übung acht kann indessen am besten täglich gemacht werden.

Man erreicht dann nach und nach richtige Selbsterkenntnis und sieht auch, welche Fortschritte man gemacht hat. Später kann dann vielleicht – mit Samstag beginnend – täglich eine Übung vorgenommen werden neben der achten, zirka fünf Minuten dauernden, so dass dann jeweils auf denselben Tag die nämliche Übung fällt. Also Samstags die Gedankenübung, Sonntags die Entschlüsse, Montags das Reden, Dienstags das Handeln, Mittwochs die Taten usw.

Samstag: 
Auf seine Vorstellungen (Gedanken) achten. Nur bedeutsame Gedanken denken. Nach und nach lernen, in seinen Gedanken das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Ewige vom Vergänglichen, die Wahrheit von der bloßen Meinung zu scheiden. 

Beim Zuhören der Reden der Mitmenschen versuchen, ganz still zu werden in seinem Innern und auf alle Zustimmung, namentlich alles abfällige Urteilen (Kritisieren, Ablehnen), auch in Gedanken und Gefühlen, zu verzichten. 

Dies ist die sogenannte „richtige Meinung“. 

Sonntag: 
Nur aus begründeter voller Überlegung heraus selbst zu dem Unbedeutendsten sich entschließen. Alles gedankenlose Handeln, alles bedeutungslose Tun soll von der Seele ferngehalten werden. Zu allem soll man stets wohlerwogene Gründe haben. Und man soll unbedingt unterlassen, wozu kein bedeutsamer Grund drängt. 

Ist man von der Richtigkeit eines gefassten Entschlusses überzeugt, so soll auch daran festgehalten werden in innerer Standhaftigkeit. 

Dies ist das sogenannte „richtige Urteil“, das nicht von Sympathie und Antipathie abhängig gemacht wird.

Montag: 
Das Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soll von den Lippen desjenigen kommen, der eine höhere Entwickelung anstrebt. Alles Reden um des Redens willen - zum Beispiel zum Zeitvertreib - ist in diesem Sinne schädlich.

Die gewöhnliche Art der Unterhaltung, wo alles bunt durcheinander geredet wird, soll vermieden werden; dabei darf man sich nicht etwa ausschließen vom Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im Verkehr soll das Reden nach und nach zur Bedeutsamkeit sich entwickeln. Man steht jedem Rede und Antwort, doch gedankenvoll, nach jeder Richtung hin überlegt. Niemals ohne Grund reden! Gerne schweigen. Man versuche, nicht zu viel und nicht zu wenig Worte zu machen. Zuerst ruhig hinhören und dann verarbeiten. 

Man heißt diese Übung auch: „das richtige Wort“. 

Dienstag: 
Die äußeren Handlungen. Diese sollen nicht störend sein für unsere Mitmenschen. Wo man durch sein Inneres (Gewissen) veranlasst wird zu handeln, sorgfältig erwägen, wie man der Veranlassung für das Wohl des Ganzen, das dauernde Glück der Mitmenschen, das Ewige, am besten entsprechen könne. 

Wo man aus sich heraus handelt - aus eigener Initiative -, die Wirkungen seiner Handlungsweise im voraus auf das Gründlichste erwägen. 

Man nennt das auch „die richtige Tat“.


Mittwoch:
Die Einrichtung des Lebens. Natur- und geistgemäß leben, nicht im äußeren Tand des Lebens auf gehen. Alles vermeiden, was Unruhe und Hast ins Leben bringt. 

Nichts überhasten, aber auch nicht träge sein. Das Leben als ein Mittel zur Arbeit, zur Höherentwickelung betrachten und demgemäß handeln. 

Man spricht in dieser Beziehung auch vom „richtigen Standpunkt“. 



Donnerstag:
Das menschliche Streben. Man achte darauf, nichts zu tun, was außerhalb seiner Kräfte liegt, aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben sich befindet. 

Über das Alltägliche, Augenblickliche hinausblicken und sich Ziele (Ideale) stellen, die mit den höchsten Pflichten eines Menschen Zusammenhängen, zum Beispiel deshalb im Sinne der angegebenen Übungen sich entwickeln wollen, um seinen Mitmenschen nachher um so mehr helfen und raten zu können, wenn vielleicht auch nicht gerade in der allernächsten Zukunft.

Man kann das Gesagte auch zusammenfassen in: „Alle vorangegangenen Übungen zur Gewohnheit werden lassen“.


Freitag: 
Das Streben, möglichst viel vom Leben zu lernen. 
Nichts geht an uns vorüber, das nicht Anlass gibt, Erfahrungen zu sammeln, die nützlich sind für das Leben. Hat man etwas unrichtig oder unvollkommen getan, so wird das ein Anlass, ähnliches später richtig oder vollkommen zu machen. 

Sieht man andere handeln, so beobachtet man sie zu einem ähnlichen Ziele (doch nicht mit lieblosen Blicken). Und man tut nichts, ohne auf Erlebnisse zurückzublicken, die einem eine Hilfe sein können bei seinen Entscheidungen und Verrichtungen. 

Man kann von jedem Menschen, auch von Kindern, viel lernen, wenn man aufpasst. 

Man nennt diese Übung auch „das richtige Gedächtnis“ das heißt sich erinnern an das Gelernte, an die gemachten Erfahrungen.

Zusammenfassung (hins. die Tage der Woche)

Von Zeit zu Zeit Blicke in sein Inneres tun, wenn auch nur fünf Minuten täglich zur selben Zeit. Dabei soll man sich in sich selbst versenken, sorgsam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsätze prüfen und bilden, seine Kenntnisse – oder auch das Gegenteil – in Gedanken durchlaufen, seine Pflichten erwägen, über den Inhalt und den wahren Zweck des Lebens nachdenken, über seine eigenen Fehler und Unvollkommenheiten ein ernstliches Mißfallen haben, mit einem Wort: das Wesentliche, das Bleibende herauszufinden trachten und sich entsprechende Ziele, zum Beispiel zu erwerbende Tugenden, ernsthaft vornehmen. (Nicht in den Fehler verfallen und denken, man hätte irgend etwas gut gemacht, sondern immer weiter streben, den höchsten Vorbildern nach.)

Man nennt diese Übung auch „die richtige Beschaulichkeit“.

(Anm.d.Red.: Zudem empfiehlt es sich die im Buch angeführten sog. Vor- oder Nebenübungen zu praktizieren sowie in Fortsetzung bestimmte Regeln einzuhalten.)
Aus dem Buch:
Rudolf Steiner
„Übungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen. Seelenübungen 1“
Rudolf Steiner Verlag
564 Seiten, gebunden mit Buchschleife
GA Nummer: 267
978-3-7274-2671-1 
68 €