Das größte Wunder ist sicherlich der Mensch

Wir möchten Ihnen, liebe VITA-Leserinnen und -Leser, aus dem überaus interessanten und tiefgreifenden Buch „Der Lebenslauf“ (Gisela O’Neil, George O’Neil) nachstehend einige Auszüge darlegen.

Die Beschäftigung mit dem im Buch sich befindlichen Lebens-Plan trägt einerseits dazu bei, die verschiedenen Aspekte und Stadien der individuellen Biografie vertieft zu verstehen und – mit den rationalen wissenschaftlichen Möglichkeiten des gewöhnlichen Bewusstseins – die Geschichte der ganzen Menschheit in einem neuen Licht zu sehen. Andererseits ist er eine gute Hilfe bei der Entwicklung des anschauenden Denkens, des ‚Herzdenkens‘, durch das man das eigene subjektive Dasein und Wesen für sich selbst objektiviert.

Zum Denken des Herzens kommen

„Um zum Denken des Herzens zu kommen, müssen wir die Kraft haben, aus uns herauszugehen, wirklich uns selber ganz fremd zu werden und von außen auf uns zurückblicken zu können. Wer im normalen Bewusstsein ist, der steht an einem bestimmten Platz und weiß, was er damit sagt, wenn er sagt: Das bin ich! – Wenn er sagt: Das bin ich – dann meint er die Summe dessen, was er glaubt, was er vertritt. Wer aber in die höheren Welten hinaufsteigt, muss seine gewöhnliche Persönlichkeit an ihrem Platze stehenlassen können, er muss aus sich selber herausgehen können, auf sich zurückschauen und mit demselben Gefühl zu sich selber sagen können:

Das bist du! – Das frühere Ich muss ganz im richtigen Sinne ein Du werden.

So wie man zu einem anderen ‚du‘ sagt, so muss man zu sich selber ‚du‘ sagen können. Das darf keine Theorie sein, sondern muss ein Erlebnis werden. Dass dies durch Schulung zu erreichen ist, haben wir schon gesehen. Es gehört gar nicht so viel dazu, man muss verhältnismäßig einfache Dinge tun; dann erwirbt man sich das Recht, mit dem Herzen denken zu dürfen. Die wahren Darstellungen von den höheren Welten gehen aus solchem Herzdenken hervor. Auch wenn es äußerlich oft so aussieht, als ob sie logische Erörterungen wären, nichts ist in den Darstellungen, die wirklich aus den höheren Welten heruntergetragen werden, darin, was nicht mit dem Herzen gedacht wäre. Was da geschildert wird vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, ist ein mit dem Herzen Erlebtes. Derjenige, der schildern muss, was er mit dem Herzen erlebt, der muss es allerdings umgießen in solche Gedankenformen, dass es für die anderen Menschen verständlich ist.“

Zusammenfassend kann man sagen, dass das allgemeine Ziel der Arbeit mit dem Lebens-Plan in folgenden drei Schritten erreicht werden kann:

1. Beobachten des eigenen Lebens und des der anderen als Organismus, Muster, Gestalt.

2. Bewusstes inneres Gewahrwerden und Erleben der eigenen Lebensgestalt.

3. Erkennen dessen, was man selbst beiträgt, was man sich selbst verdankt und was anderen; was darin von der irdischen Seite wirksam ist und was von der kosmischen; dessen, wozu man sagen kann „Ich verstehe“, und dessen, zu dem man sagen kann „Ich sehe es kommen“; und schließlich erkennen: „Ich bin es selbst, der mir mein Schicksal geschickt hat“. – Dieser letzte Schritt ist bereits Teil einer meditativen Arbeit mit dem Lebens-Plan.

Welches kosmische Geheimnis bestimmt die Lebensdauer des Menschen?

In einem Dornacher Vortrag aus dem Jahr 1924 versucht Rudolf Steiner zunächst, in seinen Zuhörern ein Verständnis für das Wunder zu erwecken, den Weg zur Anthroposophie gefunden zu haben, und eine Stimmung ehrfürchtiger Scheu zu erzeugen angesichts unserer Verwandtschaft mit den Sternen, der Heimat, die wir verlassen haben, um als Besucher auf die Erde zu kommen. Dann spricht er in bildhafter Mysteriensprache über den

72-Jahreszyklus unserer Erdenexistenz und die Beziehung jedes Einzelnen zu seinem Stern, dem Stern seines Genius, der ihm bei seinem Abstieg zur Erde die Richtung wies.

„Der Mensch, indem er von geistig-kosmischen Weiten heruntersteigt zu einem irdischen Dasein, kommt immer von einem bestimmten Sterne her. Man kann diese Richtung verfolgen, und es ist nicht unsachlich, sondern im Gegenteil recht exakt, wenn wir davon sprechen, der Mensch habe einmal ’seinen Stern‘. Ein bestimmter Stern, ein Fixstern, ist die geistige Heimat des Menschen.“ Während der Mensch hier auf der Erde weilt, wird dieser ‚Mentor-Stern‘ von der Sonne beruhigt, die nun über den ‚Erdling‘ wacht: „Ich gebe dir das, was dir dieser Mensch zu geben hat, von mir aus, während ich nun vorläufig, dich zudeckend, mit ihm dasjenige mache, was du sonst mit ihm machtest zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.“

Einmal aber ist die dem Menschen zugemessene Zeit auf der Erde abgelaufen; der Stern fordert den Menschen wiederum zurück. Konkret heißt das: Die Sonne bedeckt den Geburtsstern an jedem neuen Geburtstag. Das verschiebt sich indessen im Lauf der Zeit. Da sich die Fixsterne ein wenig schneller bewegen als die Sonne, ergibt sich im Lauf von 72 Jahren ein Unterschied von einem Tag (oder einem Grad). Nun bleibt die Sonne hinter dem Geburtsstern zurück.

„Wenn der Mensch aber 72 Jahre gelebt hat, dann ist ein voller Tag abgelaufen, und er kommt in seinem Lebensalter an einer Stelle an, wo die Sonne den Stern verlassen hat, in den sie gerade eingetreten ist, als er sein Leben angetreten hat … der Mensch hat einen Weltentag verloren, denn es sind gerade 72 Jahre, dass die Sonne um einen Tag hinter dem Stern zurückbleibt. Und während dieser Zeit, während sich die Sonne im Bereiche seines Sternes aufhalten kann, kann der Mensch auf der Erde leben. Dann, unter normalen Verhältnissen, wenn die Sonne nicht mehr seinen Stern beruhigt über sein irdisches Dasein … fordert der Stern den Menschen wiederum zurück.“


Aus dem Buch:
Der Lebenslauf Lesen in der eigenen Biographie

Gisela O’Neil, George O’Neil
Herausgegeben von Florin Lowndes
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-7725-2620-6
Verlag Freies Geistesleben

Textcopyright: Magazin Vita, vita-leben.at (und jew. Verlag)

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