Die Weisheit des Herzens

Ein kühler Abend auf der Terrasse, ein lockeres Miteinander von zwei Freundinnen. Die eine bin ich. Eine Unterhaltung, vielmehr eine Diskussion. Es geht um den Alltag und das Leben, die vielen Möglichkeiten und die Herausforderung für den richtigen Weg, das Risiko der falschen Entscheidungen.

Meine Freundin tickt irgendwie ganz anders als ich. Sie braucht Fakten, um ein Szenario für sich gut darzustellen, und dann sammelt sie Argumente, Fürs und Widers. Ihre Recherche ist stets penibel und sie greift dabei auf verschiedenste Informationsquellen zurück. Während ich ihren Ausführungen zuhöre, vergesse ich beinahe, welches Thema wir eigentlich diskutieren. Sie ist in ihren Ausführungen schon im tiefsten Detail und im entferntesten Risiko angelangt.

Und während meine Freundin das Thema noch weiter ausführt, beginne ich in Gedanken abzuschweifen. Warum ist mir diese verkopfte Weise, Entscheidungen für das Leben zu treffen, (mittlerweile) so fremd geworden? Wobei, ganz fremd nun auch wieder nicht. Es gab Zeiten in meinem Leben, da war ich ähnlich wie meine Freundin – ganz stark mit meinem Verstand verbunden und wollte stets die Kontrolle über mein Leben haben. Und am besten über alle, die mit mir in meinem Leben sind, auch.

Doch es war das Leben selbst, das mich lehrte: Man kann es nicht kontrollieren. Während dieser Zeiten hat es mich enorme Anstrengung gekostet, mich durch die Entscheidungen und Situationen des Lebens zu bewegen. In meinem Bedürfnis nach Kontrolle bin ich nicht selten in einer Sackgasse gelandet und musste immer wieder erkennen: Ich bin es nicht, die mein Leben dirigieren und bestimmen kann, zumindest nicht auf diese Weise.

Je mehr ich mich einem ganzheitlichen Weltbild geöffnet habe und damit auch der Vorstellung, dass es „mehr“ in diesem Leben gibt als das, was man sehen, anfassen und argumentieren kann, desto mehr spürte ich: Da gibt es einen starken Kompass für mein Leben – mein Herz. Als solches ist es nicht nur ein lebensnotwendiges physisches Organ, sondern vielmehr ein energetisches Zentrum, das als eigenständiges neuronales System fähig ist, über Nervenzellen mit dem Gehirn zu kommunizieren. Darüber hinaus kennen viele spirituelle Traditionen das Herz als Sitz der Seele.

Hand aufs Herz

Wenn wir die Wahrheit sprechen oder hören wollen, legen wir nicht selten die Hand auf das Herz. Ebenso, wenn wir vom „Ich“ sprechen. Und ich kenne diese Geste auch, wenn ich einer Sache nachfühle, in meiner Wahrnehmung tiefer gehen möchte. Also gibt es wohl eine Verbindung vom Herzen hin zu mir – zu meinem innersten, wahren Ich, höheren Selbst – wie auch immer man das formulieren mag.

Und aus dieser Betrachtungsweise „weiß“ das Herz wohl auch um meine Herzenswünsche oder meine „höhere Wahrheit“ hin zu meinem Leben. Und wo Wissen, da Weisheit.

Mein Herz weiß also um mich.

„Hörst du mir eigentlich noch zu?“ Die Frage meiner Freundin holt mich aus meiner Gedankenwelt. Ich bin ehrlich und erzähle ihr davon, dass ich, wäre ihre Situation die meine, nicht den verkopften Weg für die Entscheidung wählen, sondern auf die Weisheit meines Herzens hören würde. Meine Freundin sieht mich mit großen Augen an. „Auf die Weisheit des Herzens hören? Aha.“ Nach einer kurzen Pause fragt sie mich mit herausforderndem Tonfall: „Und wie tust du das dann, bitteschön?“

Ich versuche zu erklären: „Statt dem Denken und dem Verstand gebe ich der Intuition mehr Raum.“ Meine Freundin fällt mir sofort ins Wort: „I-n-t-u-i-t-i-o-n“, sie zieht das Wort in die Länge und rollt dabei mit den Augen. Für ihre Verstandeswelt ist das keine Möglichkeit, das weiß ich. „Also komm mir nicht mit Intuition, wenn es um Fakten geht. Und schließlich ist die Situation kein Kindergarten, da geht es schon um Wesentliches, um mein Leben.“ Sie beginnt wieder mit ihrem Monolog über ihr Leben und ihre Probleme, die irgendwie immer dieselben sind, schon seit Jahren. Während ich hinhöre, wandern meine Gedanken wieder ab.

Wie tue ich wirklich, wenn ich auf die Weisheit meines Herzens höre?

Am Anfang war es wohl, dass ich lernen musste, aus der Verstandesebene mehr und mehr auszusteigen, und begann, eine Verbindung zur Herzensebene aufzubauen. Mir hat dabei die Meditation sehr geholfen. Mein Verstand lernte, stiller zu werden, und in dieser Stille bekam mein Herz den Raum für den Dialog mit mir. So haben wir, mein Herz und ich, eine Beziehung aufgebaut, über die Zeit. Und die Zeit brachte Vertrauen. Kurzfristig betrachtet entsprachen die Ergebnisse von dem, wie mein Herz mich führte, nicht immer meinen Erwartungen, was das Leben mir (möglichst sofort) bringen sollte, wie sich die Dinge zu entwickeln hatten. Aber ich lernte, dass Erwartungen und Vorstellungen Konzepte des Verstandes sind. Der Verstand greift dabei auf ein Archiv zurück. Darin ist abgelegt, was schon erlebt, wovon schon gehört oder was an anderen beobachtet wurde. Das absolut andere, das oftmals (noch) Unvorstellbare fehlt in diesem Archiv zu oft. Doch das Herz wirkt auf einer ganz anderen Ebene. Es verbindet uns mit der Quelle des höheren Bewusstseins und als solche ist jenes Feld unendlich, unerschöpflich und grenzenlos.

In meinem Weltbild „weiß die Seele um meinen Lebenspfad und meinen Auftrag“. Als Mensch, der ich bin, geht es sozusagen darum, sich zu „erinnern“. Das Wort selbst findet sich in seinem etymologischen Wortstamm „recordari“ (lat. re- zurück, cor- das Herz). Erinnern bedeutet also „sich an die Kraft des Herzens zu erinnern“ und damit an seine Weisheit.

„Also, was würdest du nun tun?“ Die Frage meiner Freundin holt mich erneut aus meinen Gedanken. Keine Ahnung, was sie mich gerade gefragt hat. Aber im Prinzip ist das auch nicht wichtig, denn meine Antwort würde wieder lauten: „Ich würde auf die Weisheit meines Herzens hören.“

Wissen ist eine Sache des Herzens (Leonardo da Vinci)

„Weißt du, Herz schließt ja den Verstand nicht aus“, beginne ich. Das Bild, das ich mit diesem Satz für meine Freundin zeichne, erreicht sie. Ihr ist wichtig, dass ihr kopflastiges Agieren, das sie sich durch das Leben, Erziehung, Schule und Beruf angeeignet hat, zunächst weder abgewertet noch angezweifelt wird. Das muss es auch nicht, denn auch ich liebe meinen Verstand und formuliere oft mit einem Augenzwinkern: „Der liebe Gott hat mir den Verstand geschenkt, also darf ich ihn auch nutzen.“ Die Herausforderung im Leben ist vielmehr, wer anführt: Verstand oder Herz. Die Antwort ist wohl eine leichte – das Herz soll führen, denn seine Landkarte kennt viel mehr Möglichkeiten als jene des Verstandes.

Ich erkläre meiner Freundin das Konzept „Herz“, erzähle ihr vom magnetischen Schwingungsfeld, vom Archiv der Möglichkeiten und vom Wissen des Herzens um den Seelenweg. Es ist ein theoretisches Konzept, das ich für sie formuliere, damit kann sie umgehen und ihr Verstand auch. Es erscheint ihr logisch.

„Aber wie tu ich nun, um der Weisheit meines Herzens zu folgen?“, fragt sie mich erneut.

„Leg doch einfach mal deine Hand aufs Herz“, antworte ich ihr, „atme bewusst in dein Herz und genieße, wie es damit ruhig werden kann – und dann frag dein Herz um eine Antwort zu deinem Leben und den aktuellen Herausforderungen.“

Meine Freundin folgt meinen Anweisungen und schließt die Augen. Unser Gespräch verstummt und ich bin berührt von ihrem Einlassen auf meinen Vorschlag. Sie beginnt zu lächeln, da weiß ich: Sie lauscht, hört die Stimme des Herzens und staunt wohl ob seiner Weisheit.

Text: VITA-Autorin Daniela Hutter – bloggt, coacht und leitet Seminare; mehr Information: www.danielahutter.com

Copyright: Magazin VITA; vita-leben.at (und jew. Autorin/Autor)