Die Kraft der Vergebung

Vergebung macht frei. Unabhängig. Einem anderen das erlittene Unrecht zu vergeben, erlaubt einem selbst, den Groll und die Bitterkeit hinter sich zu lassen und dem Leben eine neue Chance zu geben. Zu vergeben bedeutet, in Frieden mit dem zu kommen, was war. Es bedeutet nicht, anderen Menschen zu erlauben, einen zu verletzen! Es bedeutet auch nicht, dass man einverstanden ist mit dem, was der andere getan hat. Sondern nur, dass man sich selbst nicht mehr davon lähmen und beeindrucken lässt. Man gibt, wenn man vergibt, die Abhängigkeit vom Verhalten des anderen auf und kommt in die eigene Kraft.

Wenn Vergebung so ein Zaubermittel ist, wieso ist es dann oft so schwer, es anzuwenden? In Frieden zu kommen, dem Leben zu erlauben, wieder zu fließen, das Vergangene hinter sich zu lassen, klingt ja durchaus wie eine gute Idee.

Doch vor dem Vergeben steht das Anerkennen des eigenen Schmerzes über das erfahrene Unrecht. Und hier wird es schwierig. Denn allzu rasch ist man bestrebt, den Schmerz vor sich selbst zu vertuschen. Zieht man sich eine emotionale Wunde zu, spricht man in der Psychologie zunächst von einem „sauberen“ Gefühl. Man spürt die echte, spontane Reaktion auf das erlebte oder das anderen zugefügte Unrecht: Bedauern, Schmerz, Wut, Angst. Meistens unterdrückt man dieses Gefühl sofort oder es wird einem ausgeredet, doch diese erste, emotional saubere Reaktion erfolgt immer. Wenn man sie nicht fühlen will, auch wenn man die besten Gründe dafür hat, dann wird das Gefühl verunreinigt. Durch Groll. Beleidigtsein. Innerlichen Rückzug. Ärger. Rachegelüste. Besonders durch Scham. So sehr, dass man das ursprüngliche Gefühl gar nicht mehr erkennt. Dieses zweite Gefühl kann so stark sein, dass man das erste auch dann nicht mehr fühlen könnte, wenn man es wollte.

Die erste, saubere emotionale Wunde, die gut heilen könnte, ist nun verschmutzt. Sie bräuchte noch mehr Aufmerksamkeit und Pflege, damit sie heilt. Doch der Alltag lässt keine Zeit und keinen Raum für Gefühle, schon gar nicht für schmerzliche oder komplizierte. Man hat nie gelernt, mit starken Emotionen umzugehen, und so lässt man es. Man klebt ein Pflaster auf die entzündete Wunde und hofft, dass die Zeit sie heilt. Das würde sie, würde man die Wunde pflegen. So allerdings sorgt die Zeit nur dafür, dass es immer schlimmer wird. Der Verband, den man braucht, damit man die Wunde nicht wahrnimmt, wird immer dicker. Und schwerer. Macht einen unbeweglicher, als man sein müsste. Jedes Mal, wenn man im Heute eine Enttäuschung, einen Verlust, eine Zurückweisung erlebt, melden sich schmerzhaft auch die alten Wunden. Und so schmerzt einen irgendwann das ganze Leben.

Das kann man zum Glück ändern. Probieren wir zusammen ein inneres Bild aus.

Wenn man geboren wird, hat man, bildlich gesprochen, sehr viele wunderschöne, strahlende Herzen in sich. Sie alle zusammen erzeugen ein Gefühl von Lebendigkeit, von Freude, von Zuversicht. Einfach ein positives Lebensgefühl. Wird man verletzt, zerbricht eines davon. Man könnte die Teile wieder zusammenfügen. Das Herz würde wie neu werden, weil es sich selbst heilen könnte. Es wüchse wieder zusammen und alles wäre gut. Damit man das zerbrochene Herz zusammensetzen kann, muss man die Einzelteile in sich selbst suchen, sie finden und in die Hände nehmen, wie man sich bei einer zerschellten Vase auf die Suche nach den Bruchstücken macht. Will, kann oder darf man den Schmerz nicht fühlen, merkt man allerdings nicht, dass Herzstücke herausgebrochen sind. Man fühlt sich nur irgendwie unwohl. Man spürt, dass eines der Herzen fehlt. Da ist auf einmal eine kleine innere Leere, wo Freude und ein gutes Gefühl herrschen sollten. Man entwickelt Groll und weiß nicht, warum. Ist beleidigt, ohne sagen zu können, woran das genau liegt.

Das sind die „schmutzigen“ Gefühle. Sie legen sich wie eine Schicht aus Staub, Asche oder Geröll über die Scherben des Herzens. Auch diese Gefühle werden unterdrückt. Man will oder darf auch das nicht spüren. „Sei nicht beleidigt, stell dich nicht so an!“, hört man. Also kontrolliert man seine Gefühle, meistens mithilfe der Gedanken. So wird die nächste Schicht erzeugt. Über das Herzscherben-Asche-Gemisch legt sich zum Beispiel eine Schicht Metallschrott. Und so weiter. Am Ende hat man eine Deponie aus gemischtem Müll, von der man sich wundert, warum sie überhaupt da ist. Man fühlt sich schwer und belastet, sehnt sich nach mehr Leichtigkeit im Leben. Dass irgendwo in diesem ganzen Schrott immer noch lebendige, kraftvolle Herzstücke verborgen sind und nur darauf warten, wieder zu einem Ganzen zusammengefügt zu werden, darauf kommt man gar nicht. Damit man diese zerbrochenen Herzen wiederfindet, braucht man sie nur zu fühlen. Das Fühlen ist der Magnet, der die Scherben anzieht und sie wieder zusammensetzt. Der innere emotionale Schutthaufen löst sich von allein auf, wenn die Herzstücke wieder bei einem selbst angekommen sind. Und dann ist das Vergeben ganz einfach. Dazu biete ich hier eine kleine innere Reise an, ich schreibe sie in „Du“-Form.

Eine innere Reise: „Die zerbrochenen Herzen zurückholen“

Dazu stellst du dir einfach vor, du stehst vor diesem inneren Schutthaufen. Du weißt, irgendwo darunter liegen kleine Herzen in Scherben. Atme in dein physisches Herz. Denk an eine bestimmte Situation, an eine Person oder an einen ganzen Lebensabschnitt, der dich verletzt hat. Erlaube dir jetzt, die Verletzungen zu fühlen, den ursprünglichen Schmerz wahrzunehmen. Ein Druck im Herzen oder Enge in der Kehle genügen für diese Übung. Stell dir nun vor, dieses Gefühl verwandelt sich in dir in Nebel oder Rauch. Er darf dunkel sein, das Gefühl ist ja auch nicht besonders angenehm. Wenn du voll bist von dunklem Rauch, ströme diesen Qualm mitten hinein in den Schutt. Puste ihn aus, ein paar Mal, hin zum Schutthaufen, bis du innerlich davon befreit bist.

Und jetzt geschieht ein Wunder. Auf einmal erheben sich viele kleine, schillernde, geflügelte Herzen aus dem Schutt. Diese Herzen strömen in dich ein, erfüllen deinen ganzen Körper mit Freude und Licht. Der Schutthaufen löst sich auf, wird von selbst immer kleiner. Lass das geschehen, du brauchst nichts zu tun, es passiert von allein. Wenn alle Herzen in dir angekommen sind und sich der Haufen aufgelöst hat, beende die Übung. Mach diese Übung bitte ein paar Tage hintereinander, denn es gibt sicher mehrere solcher Haufen in dir.

Wenn sich ein solcher emotionaler Schutthaufen aufgelöst hat, ist es leichter, zu vergeben. Dazu erinnert man sich an die verletzende Situation. Es spielt keine Rolle, ob der andere verletzen wollte oder nicht. Und es ist egal, ob er das Unrecht Ihnen gegenüber einsieht oder nicht. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen der andere gegenübersteht, Atmen Sie in Ihr Herz. Stellen Sie sich vor, aus dem Herzen heraus strahlt ein goldener Strom von Frieden. Schicken Sie diesen Frieden zum anderen hin. Sagen Sie laut:

„Ich vergebe dir.“

Klingt das nicht stimmig, dann sagen Sie:

„Ich bin bereit, in Frieden mit dem zu kommen, was geschehen ist.“

Manchmal ist es leichter, in Frieden zu kommen, statt zu vergeben, besonders, wenn der andere seine Handlungen nicht bereut. Das Ergebnis ist das gleiche, egal, ob wir vergeben oder in Frieden kommen: Wir befreien uns von den Verletzungen, von Gram und Groll, und können mit unserem Leben, frei und unabhängig von der Vergangenheit, weitermachen.

Text: VITA-Autorin Susanne Hühn, www.susannehuehn.de

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