Suche nach dem Glück …

Es ist einer jener Tage: Alle Glücksboten scheinen mich aus ihrer Adressliste gestrichen zu haben. Jegliche Nachricht, jegliches Schreiben, jeglicher Dialog und jegliches Erleben zeigen sich destruktiv. Und ich fühle mich, als ob mein Leben ein Zusammenspiel mit dem Unglück vereinbart hätte.

Und wie komme ich zum Glück? 

Bin ich wirklich meines Glückes eigene Schmiedin? Bin ich tatsächlich dafür verantwortlich, dass das Glück an der Sonnenseite meines Lebens zu finden ist? Um etwas dafür tun zu können, müsste das Glück in seinem Wesen greifbarer zur Verfügung stehen. Ich suche nach Gedanken zum Glück, ich suche nach Worten, die die Gedanken beschreiben. 

Und so begegne ich zugleich in diesem Moment meiner eigenen Sprachlosigkeit hinsichtlich des Glücks und stelle fest, dass es gar nicht so einfach ist, Glück zu definieren. Es scheint nicht wirklich in Worte fassbar zu sein. Diese Wortlosigkeit teile ich wohl mit der Menschheit – denn es formulierte bereits Aristoteles: „Glück ist das vollkommene und selbstgenügsame Gut“. Bei Platon lesen wir, dass der Mensch nur dann glücklich sein kann, wenn die drei Aspekte der Seele – Vernunft, Wille und Begehren – im Gleichgewicht sind. Damit wurde schon damals die Annahme aufgestellt, dass das Glück nur dann zu finden ist, wenn der Mensch sich selbst (erneut) zuwendet. Glück ist somit nicht im Außen zu finden und nicht von äußerlichen Faktoren abhängig. Glück trägt das Bewusstsein in sich, dass jeder Mensch für sein eigenes Glück verantwortlich ist.

Also bin ich meines Glückes eigene Schmiedin?

Wenn ich das Glück nicht beschreiben kann, habe ich dann keine Chance auf das Glück? Verwehre ich es mir selbst? Dieser Gedanke erscheint mir heikel und ich ringe nach einer Definition von Glück. Ich will schließlich glücklich sein. Und just in dem Moment die Erkenntnis: „Glück kannst du nicht wollen. Glück lässt sich nicht über den Verstand definieren“.  Und ich spüre, dass Glück ein Gefühl ist. Doch Gefühle erlebe ich selten statisch. An manchen Tagen reicht ganz wenig und ich erlebe mich unermesslich glücklich – und an anderen Tagen scheint nichts ausreichend zu sein, um mein Unglücklich-Sein durch ein Glücksgefühl zu ersetzen. So wie heute … 

Glück und Unglück sind ein Paar, sie sind sich einander unglaublich nah. Ein Quäntchen hier, ein Quäntchen dort und schon macht das Leben einen scheinbar großen Unterschied. Individuell und subjektiv ist die Wahrnehmung wohl, jeden Augenblick neu. Und diese Erkenntnis bringt mich auf eine Spur. Wenn sich die Empfindung für das Glück stets neu definiert, an Umständen orientiert und anpasst – dann ist die Chance für das Glück auch in jedem Moment neu gegeben. Welch erhellender Gedanke! Ich spüre, ich kann womöglich etwas tun – für das Glück.

Mein Verstand bietet sich als Glückspartner an und reicht mir eine Vielfalt an Gedanken, was ich tun könnte, um glücklicher zu sein. Es erscheint verlockend. Doch einen Moment lang kann ich diesem Versuch widerstehen und schon zeigt sich die nächste Frage: „Doch, was, wenn ich dann nichts mehr für das Glück tue? Nicht mehr kann oder nicht mehr will? Was ist dann? Verabschiedet sich das Glück dann wieder? Drängt sich das Unglück als ungebetener Gast erneut in mein Leben?“ 

Fühlbar will sich eine andere Erkenntnis zeigen. Die Bürde liegt wohl in der Trennung, die ich stets vollziehe. Welch ein Mysterium, dass scheinbar dieselben Zutaten des Lebens manchmal Glück und manchmal Unglück fühlen lassen. Es scheint eine Verführung des Lebens zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes. Mal hierhin, mal dorthin – immer scheinbar dem Glück nach. Nicht selten passiert es, dass man der Verlockung des Kompensierens verfällt: Es ist die Konsumindustrie (und unser entsprechendes Verhalten), das uns versucht weiszumachen, Glück wäre erreichbar, wenn wir dieses oder jenes kaufen, diesem oder jenem Trend folgen. Es kann nur ein Versuch bleiben, währt nur kurz und verpufft alsbald. Es bleibt die Leere, die Sehnsucht und der Ruf nach dem Glück.

Was wäre, wenn das Glück gar nicht existiert?

Existiert kein Glück, nehmen wir nur Unglück wahr? Oder umgekehrt, gäbe es kein Unglück, wäre dann da nur mehr das Glück? Könnte der Verzicht auf Glück bedeuten, dass wir uns das Wechselbad der Emotionen ersparen und damit den Jojo-Effekt der Aufs und Abs der Glücks- bzw. Unglücksgefühle beenden?  Die Antwort lautet: Glück ist polar. Glück kennt Unglück. Unbestritten ist, dass Glück von äußeren Faktoren abhängt. Individuell festlegbar. Schmieden wir am Glück, schmieden wir zugleich auch am Unglück. 

Wie ist aber nun der Ausweg aus der Sackgasse des unglücklichen Glücks zu finden? 

Wir alle kennen jenes Gefühl, das uns immer wieder erfüllt und uns erhaben über die Tiefen des Lebens springen lässt. Ein Gefühl, das uns durch das Leben trägt und in welches wir eintauchen als Fluss des Lebens: Es ist die Freude. Freude ist ein Gefühl der inneren Erfüllung. 

                                             Freude als Quelle des Glücks

Doch wohl kenne ich auch aus meinem Leben jene Zeiten, in denen ich mich nach der Freude sehnte. Es war jene Zeit des Lebens, als ich meinte, es ist das Leben, das sich meiner bedient und nicht bemerkte, dass es umgekehrt sein darf. Aus der heutigen Sicht erkenne ich, dass es einen einzigen Grund dafür gab: Ich hatte die Verbindung zu mir verloren. Ich war irgendwo, nur nicht bei mir selbst. Die Ursachen und Gründe dafür waren vielfältig und in erster Linie wohl dadurch bedingt, dass ich mich einerseits anpasste und anderseits meinem Umfeld erlaubte, über mich zu bestimmen. Und zudem war ich beschäftigt mit Suchen und Ausprobieren, wobei ich stets am Außen meines Daseins orientiert war. Ich wollte im Außen finden und im  Außen die Antwort erhalten auf die Frage, was mir fehlte. Doch das Leben lehrte mich durch die Erfahrungen anderes. 

Jetzt kenne ich die Freude als meinen täglichen Begleiter. Ja, ich hab mich für Freude entschieden, bewusst. Ich nenne es nicht Glück, sondern differenziere es ganz bewusst. Glück kennt die Opposition des Unglücks. Aber Freude ist – Freude. Wenn Freude fehlt, fehlt sie. Wenn Glück fehlt, erlebe ich stattdessen vielleicht das Unglück. Doch wenn mir  die Freude fehlt, fehlen würde, dann wäre ihr Platz frei. Freude erlebe ich als Bewusstseinszustand. Ich erlebe dabei die Freude nicht als etwas, das gebunden ist an ein Ereignis oder an materielle Dinge (zum Beispiel, wenn man zu einem Anlass ein Geschenk erhält), sondern viel mehr als eine erhöhte Schwingungsfrequenz im Körper, verändertes Bewusstsein, mehr Licht im eigenen Wesen. So wage ich zu sagen:         

Gelebte Spiritualität ist Freude. Denn Freude erlebe ich als etwas Göttliches.

Text: Daniela Hutter für Vita Magazin